Ist Carsharing noch umweltfreundlich?

Verfechter & Kritiker

Ist Carsharing noch umweltfreundlich?

Abends an der Haltestelle: Verabredet, die Zeit drängt, kein Bus in Sicht - aber ein Carsharing-Auto. Schnell die Mitgliedskarte oder das Smartphone dranhalten, einsteigen und losfahren. Komme der Bus, wann er wolle! So beschreiben Kritiker die Nutzer der stationslosen Leihwagen-Angebote, wie sie weltweit in den großen Städten aus dem Boden sprießen. Wien gilt übrigens als besondere Carsharing-Hochburg.

"Das führt die Idee des Carsharing ad absurdum", sagt etwa Jürgen Resch, der Geschäftsführer der Deutschen Umwelthilfe. Statt weniger Autos sei mehr Motorverkehr die Folge. Und damit mehr Schadstoffe und mehr Stau.

Besonders die Stationsunabhängigen wuchsen in den vergangenen Jahren, dahinter stehen in Wien die Autobauer Daimler (car2go) und BMW (DriveNow) sowie in anderen europäischen Städten auch Citroen (Multicity). Die sogenannten Free-floating-Angebote in Großstädten machten schon 2016 rund 40 Prozent des Angebots aus. Die klassischen stationsbasierten Anbieter wachsen in kleineren Städten.

Verfechter und Kritiker

Carsharing-Verfechter sprechen schon mal von "Klimaschutz durch Autofahren". Ein Wagen ersetze mehrere private Autos, betont der Branchenverband seit Jahren. Doch stimmt das noch?

Der Geograf Stefan Weigele hat nachgerechnet. Schon 2014 wertete er in seiner Hamburger Beratungsgesellschaft Civity Millionen Datensätze stationsunabhängiger Fuhrparks aus. Ergebnis: Viele Fahrten sind wenige Kilometer lang und führen nach Feierabend allenfalls von einem Szeneviertel ins nächste - trotz Bus-Monatskarte in der Geldbörse.

"Bequemlichkeitsmobilität" als "Ersatzprodukt für das Fahrrad, den öffentlichen Verkehr und das Taxi", nennt Weigele das. Durchschnittlich führen solche Carsharing-Fahrzeuge eine Stunde pro Tag - und wären damit so ineffizient wie ein Privatauto.

Warum also das Ganze? Die Fahrt mit dem Sharing-Auto ist teurer als das Busticket - erhöht somit die Mobilitätsausgaben Kunden, wie es in der Untersuchung heißt. Für die Autobauer sieht sie einen Milliardenmarkt.

Bequemlichkeit lockt neue Nutzer an

Die bequemen Carsharing-Autos ohne Station bringen neue Nutzer auf den Geschmack, vermutet der Autoexperte Stefan Bratzel. Der Professor aus Bergisch-Gladbach spricht von einer "Einstiegsdroge in das Autofahren". Daimler formulierte vor einer Weile, letztlich sei eine Fahrt mit car2go immer auch eine Probefahrt mit dem Smart.

Auch das deutsche Umweltministerium ließ die Angebote erforschen. Während beim stationsbasierten Anbieter Flinkster 72 Prozent der Kunden kein Auto haben, sind es beim Free-floating-Angebot DriveNow nur 43 Prozent. 10 Prozent der Drive Now-Nutzer gaben an, ihr Privatauto zugunsten von Carsharing verkauft zu haben. Doch 18 Prozent planten den Privatkauf. Auch bei dieser Frage war der Trend weg vom eigenen Auto bei den Flinkster-Kunden ausgeprägter.

"Free-floating Systeme ziehen offensichtlich Haushalte stärker an, die am privaten Autobesitz festhalten", bestätigt der Branchenverband. Kunden stationsbasierter Systeme verzichteten eher.

Öffi-Anbieter sehen keine Bedrohung

"Die stationären Carsharing-Konzepte, die mit viel Herzblut und Pfiffigkeit gemacht sind, sind wunderbar - selbst wenn damit nur ein Zweitwagen verhindert wird", meint Umwelthilfe-Geschäftsführer Resch. Er warnt Kommunen aber davor, Carsharing etwa durch kostenlose Parkplätze und reservierte Stellflächen zu fördern - Möglichkeiten, wie sie ein Gesetzentwurf der deutschen Bundesregierung vorsieht.

"Das ist eine Verkaufsförderung für die Autoindustrie", sagte Resch. Die einzige Lösung für Verkehr und Umwelt sei, Busse und Bahnen besser und günstiger zu machen - anstatt sie durch Carsharing zu kannibalisieren.

Die Bus- und Bahnbetreiber sehen jedoch keine Bedrohung - zu klein sei der Konkurrent. "Wie viele Fahrzeuge bräuchte man, um nur eine U-Bahn-Linie in Berlin zu ersetzen?", fragt Lars Wagner, der Sprecher des Verbands Deutscher Verkehrsunternehmen. "Und wo sollten diese zusätzlichen Fahrzeuge alle noch fahren, die Straßen sind doch schon voll." Die Lösung liege in Kooperationen beider Welten, wie es sie teilweise schon gebe, um mit Carsharing Lücken im Netz zu schließen.

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