VW-Machtkampf: Vier mögliche Diess-Nachfolger

Muss der Österreicher gehen?

VW-Machtkampf: Vier mögliche Diess-Nachfolger

Trotz zahlreichen Dementi scheint Herbert Diess bei Volkswagen doch nicht mehr ganz so fest im Sattel zu sitzen.

Spätestens seit  Volkswagen -Konzernchef  Herbert Diess  (Bild) den  Abbau von bis zu 30.000 Stellen  im Stammwerk in Wolfsburg ins Spiel gebracht hat, tobt hinter den Kulissen von Europas größtem Autobauer ein Machtkampf. Da helfen auch die Dementi von höchster Ebene nichts. Der aus Österreich stammende Manager scheint nicht mehr ganz so fest im Sattel zu sitzen wie noch vor einigen Monaten. 

Machtkampf offen

Der Ausgang des Machtkampfs um den Volkswagen-Chef ist jedenfalls weiter offen. Die Mitglieder des paritätisch besetzten Aufsichtsratspräsidiums gingen Insidern zufolge am Dienstagabend nach mehrstündigen Beratungen ohne Beschluss dazu auseinander. "Das Thema ist so heiß, es steht Spitz auf Knopf. Ich kann dazu nichts sagen", sagte eine mit den Beratungen vertraute Person zu Reuters.

Mögliche Nachfolger

In den vergangenen eineinhalb Jahren wurde schon mehrfach über eine mögliche Ablösung von Diess spekuliert, weil er mit den bei Volkswagen traditionell starken Gewerkschaften aneinandergeraten war. Schon jetzt kursieren Namen, die für eine Nachfolge an der Spitze von Europas größtem Autobauer in Frage kämen. Es folgt eine Übersicht:

  • Oliver Blume (53) - Beliebt bei der Familie

Der Chef der VW-Tochter  Porsche  gilt schon länger als möglicher künftiger Konzernchef. Seit dem Einstieg bei Audi 1994 hat  Oliver Blume  seine Karriere zu verschiedenen Marken und in die Konzernzentrale geführt. Der studierte Maschinenbauer aus Braunschweig hat sich durch die Produktion bei Audi, Seat und der Kernmarke Volkswagen gearbeitet, ehe er 2015 Vorstandschef der Sportwagenschmiede wurde. Der womöglich vorletzte Schritt an die Spitze folgte 2018, als er in den Konzernvorstand aufrückte und die Verantwortung für die konzernweite Produktion und die Luxusmarken Bugatti und Bentley übernahm. Porsche ist mit einer Rendite von 15 Prozent nicht nur der profitabelste deutsche Autobauer und eine Cash-cow für VW. Als Porsche-Chef hütet Blume das Kronjuwel, die Heimat der VW-Gründerfamilien Porsche und Piech. Einsparungen handelte er bis jetzt geräuschlos mit dem Betriebsrat aus. Personalabbau in größerem Stil war allerdings in den vergangenen Jahren kein Thema. Zum letzten Machtwechsel bei VW hieß es, Blume müsse bei Porsche den Wandel zu Elektromobilität hinbekommen und mit dem ersten Modell Taycan sein Meisterstück abliefern. Hieran kann er einen Haken setzen: der 2020 gestartete Taycan verkauft sich derzeit sogar besser als die Marken-Ikone 911er.

  • Ralf Brandstätter (53) - Das VW-Eigengewächs

Der 53-Jährige ist schon einmal in Diess' Fußstapfen getreten. Als nach heftigen internen Auseinandersetzungen dessen Job als Konzernchef vor eineinhalb Jahren auf der Kippe stand, übernahm  Ralf Brandstätter  die Führung der Hauptmarke VW, die Diess bis dahin in Personalunion geleitet hatte. Der studierte Wirtschaftsingenieur arbeitet fast sein gesamtes Berufsleben bei dem Autobauer und kennt sich gut aus mit den Besonderheiten der Mitbestimmung. Nach Stationen in der internationalen Projektsteuerung der Beschaffung, als Vorstandsreferent im Generalsekretariat und als Projektleiter für neue Fahrzeugprojekte wechselte der gebürtige Niedersachse 2005 zur spanischen Konzerntochter Seat. Von 2012 an leitete er die Konzernbeschaffung für neue Fahrzeuganläufe und wurde 2015 Generalbevollmächtigter der Volkswagen AG. Im gleichen Jahr stieg er in den Vorstand der Marke VW Pkw auf. Brandstätter war im Zuge der Debatte um die Zukunft von Konzernchef Diess Insidern zufolge als Leiter der wichtigen Markengruppe Volumen (VW, Skoda, Seat und VW-Transporter) vorgesehen, als solcher würde er auch Mitglied des Konzernvorstands.

Einem größeren Publikum wurde Brandstätter 2021 bekannt, als er die Strategie verkündete, mit der VW autonomes Fahren massentauglich machen will. Dafür steht das Projekt "Trinity", mit dem die Produktion in Wolfsburg revolutioniert werden soll. Damit sind große Hoffnungen für die Konkurrenzfähigkeit aber auch Sorgen um Arbeitsplätze verbunden.

  • Markus Duesmann (52) - Der Branchenkenner

Der Chef der VW-Premiumtochter  Audi  ist für Wolfsburger Verhältnisse ein Quereinsteiger: Bevor er im April letzten Jahres Vorstandsvorsitzender der vom Dieselskandal geschüttelten Marke mit den vier Ringen wurde, war er beim Konkurrenten BMW Einkaufschef und davor beim Mercedes-Mutterkonzern DaimlerChrysler und für die Formel-1-Entwicklung bei Mercedes-Benz tätig.  Markus Duesmann  saß gleichzeitig mit Diess im BMW-Vorstand und wurde von ihm aus München abgeworben. Der Maschinenbau-Ingenieur ist im Konzernvorstand für die Forschung und Entwicklung verantwortlich sowie für die Luxusmarken Bentley, Lamborghini und die Motorradmarke Ducati. Eine Corona-Infektion im Frühjahr hatte Duesmann zu einer längeren Auszeit gezwungen.

  • Thomas Schmall (57) - Der Shootingstar

Der Betriebswirt und Experte für Arbeits- und Organisationspsychologie leitet seit Jahresanfang im Konzernvorstand das Technikressort. Auch er arbeitet seit jungen Jahren bei Volkswagen. Als Technikchef ist er verantwortlich für die Zuliefersparte mit weltweit 75.000 Mitarbeitern. Die Sparte vermarktet die von Volkswagen entwickelten Baukästen und ist für Entwicklung und Herstellung der Batteriezellen und die dazugehörige Beschaffung sowie die Bereiche Laden und Ladesysteme für E-Autos zuständig. In Schmalls Verantwortung fällt auch der von Volkswagen geplante Bau von sechs Batteriezellfabriken in Europa. Seine Berufung in den Vorstand hatten die Arbeitnehmer bei der Beilegung des Führungsstreits vor einem Jahr unterstützt. Er hat nach Ansicht von Insidern allerdings kaum Chancen auf einen Aufstieg an die Konzernspitze.